Leaf Chair / 2012

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Der Stuhl und sein Designer

Bevor ein produktionstauglicher Prototyp eines Designobjekts entstehen kann, gehen dem, noch vor den verschiedenen Entwicklungsstufen und Produktionsschritten, in der Regel ein geistiger und grafischer Entwurf voraus. Nicht so verhält es sich bei dem Stuhl X, der anfänglich durch sein optisches Erscheinungsbild, das durch eine organische Linie geprägt ist, an das klassische Industrial Design erinnert. Designprojekte von HAW zeichnen sich jedoch im Besonderen dadurch aus, dass die innovativen und alternativen Herstellungsszenarien, mit denen der Designer gerne arbeitet, die endgültige Form eines Produkts mitbestimmen. Für die Entwicklung des Stuhls X zum Beispiel kehrte HAW den herkömmlichen Gestaltungs- und Produktionsverlauf um und entwickelte den Stuhl nicht von einer Entwurfsskizze ausgehend, sondern er entwarf einen Stuhl, dessen Form vor allem aus den technischen- und materialbedingten Gegebenheiten der kooperierenden Herstellerfirmen entstanden ist. Die Form des Stuhls erfolgte hier also aus der Konzeption eines gesamten Herstellungsverlauf und nicht nach einer Skizze für ein funktionales Produkt. Das heißt, Herstellungsort, Verfügbarkeit von Material sowie die Arbeitsbedingungen und die Fertigkeiten der Menschen, mit denen zusammen gearbeitet wurde, waren maßgebliche Indikatoren für das spätere Erscheinungsbild des Stuhls.
Die Innovation an einem solchen Produktionsszenario besteht nun mehr darin, Potentiale in den bereits vorgefundenen Produktionsbedingungen für die Entwicklung eines neuen Produkts nutzbar zu machen. Das können die handwerklich/technischen Kapazitäten von Menschen und Maschinen oder ein bestimmtes Materialvorkommen sein. In diesem Sinne, entkoppelt HAW die Qualitätsmerkmale Nachhaltigkeit und Partizipation vom bloßen Produkt und überträgt diese auf Herstellungsverfahren eines Unternehmens oder gar auf das Konsumverhalten des Kunden.

Der Stuhl und seine Form

Maßgebend für die Gestalt des Stuhls waren bereits vorhandene Werkzeuge, die ein Herstellungsbetrieb zur Fertigung bereit stellen konnte. Der Betrieb hat sich für die serielle Massenproduktion von Stühlen spezialisiert. Die daraus abgeleiteten industriellen Grundformen griff der Designer auf und entwickelte daraus die Form des Möbels. So erinnern beispielsweise die Gewinde der Stuhlbeine an Holzspielzeug für Kinder, wohingegen die Form eines Schaufelblattes Vorbild für die Stuhllehne gewesen ist. Die vorgefertigten Formteile, die HAW aus der industriellen Produktion für seinen Stuhl verwendet, sind für ihn, im Verständnis einer konzeptuellen Aneignung, ready-mades oder Halbzeug. Die Stuhlbeine werden zum Beispiel aus Rundholzrohlingen gefertigt und die Einzelteile für die Sitzfläche und Lehne aus industriellen Endformen. Aus denen wiederum arbeitet HAW eine von ihm entworfene Kontur (innovative Linie) heraus. Die kreative Leistung besteht demnach im Erkennen der Möglichkeiten vieler neuer Formen, die in der anonymen Form des Massenprodukts aufgehoben sind. Diesen Abschnitt der Formentwicklung betrachtet der Designer als grafischen Prozess, der in Variationen auf dem Halbzeug als Grundform ausgeschöpft und fortsetzt werden kann. Mit dieser Verfahrensweise, die durchaus auf andere Produktionssysteme übertragbar ist, können zum Beispiel innerbetriebliche Defizite wie eine unzureichende Auslastung von Fabrikationsmaschinen oder der Überschuss von Materialbeständen zu einem ökonomischen wie ökologischen Mehrwert (z.B. Ressourcenerwerb) umgewandelt werden. Durch die Intervention des Designers in die Massenproduktion und seiner Kooperationsbereitschaft mit der Industrie können einerseits wirtschaftlich interessante Umnutzungen für den jeweiligen Betrieb entstehen, andererseits bietet die Re-Formierung von Industrieformen neue Ressourcen von Materialien, aus denen neue Produkte entwickelt werden können.

Der Stuhl und seine Farbe

Nach der Guerilla ähnlichen Intervention des Designers in die Massenfertigung, durch die ein variables Formenspektrum für den Stuhl entsteht, kommt bei der Farbgestaltung der Einzelteile eine weitere, aus der konzeptuellen Kreativität entliehene Strategie zum Einsatz, die man ebenfalls als Ausdruck eines Rückzugs des Designers aus der kunsthandwerklichen Tradition verstehen kann. Es liegt nahe, Formen dort mit Farbe in Verbindung zu bringen wo diese hergestellt wird. Demnach wird eine Bandbreite an verschiedenen Farben für den Stuhl gewährleistet, in dem HAW mit Farbherstellern verschiedener Industriezweige kooperiert.Dabei kann sich der Designer ebenfalls an den Arsenalen der Überproduktion bedienen und tote Materialbestände von Lacken reaktivieren.
Von großem ästhetischen Gewinn ist hier die Kombinationsmöglichkeit von Lacken, die in Farbe, Konsistenz und Oberflächenbeschaffenheit, je nach vorherigem Herstellungszweck, verschieden sein kann.
Der Standort der Farbhersteller ist hierbei von sekundärer Bedeutung, das heißt, die Sitz-Einzelteile des Stuhls können in Leizig hergestellt werden, wohingegen die Lagerbestände einer Lackiererei in Tel Aviv genutzt werden könnten. Die Verknüpfung von Herstellerbetrieben unabhängig von ihrem Standort ist eines von vielen Talenten des Designers, geografisch versprengte Kompetenzen zu Synergien zu verbinden. Welche Farbe der Stuhl haben kann wird insofern vom Designer nicht mehr uneingeschränkt festgelegt, als dass er eine Auswahl aus vorhandenen Farbbeständen in Betrieben trifft oder aber er schleust die Formteile seines Stuhls nach dem Kuckucksei-Prinzip in die laufende Produktion einer Lackiererei ein. Der Designer gibt die Entscheidung über die farbliche Gestaltung seines Produktes an die verfügbare Farbpalette eines Betriebes ab und umgeht so den Aufwand einer gesonderten Lackierung. Anstelle der Entscheidung des Designers tritt mehr oder weniger der Zufall als kreatives Prinzip.

Der Stuhl und die Ausstellung

Das Modell X als Endprodukt basiert auf der Idee eines Mitnahme-Stuhls. Alle Einzelteile sind in einer Tasche verpackt und werden erst zu Hause vom Kunden montiert.
Je nach Wunsch ist es möglich, alternative Formen für Lehne und Sitzfläche auszuwählen. Aus der Variationsvielfalt der Formen und der Auswahl von verschiedenen Farben, entsteht ein breites Spektrum an Kombinationsmöglichkeiten für die Gestalt des Stuhls. Die Auswahl wie die Begrenzung dieser formalen und farblichen Möglichkeiten sind folglich nicht nach formbezogenen Entwürfen des Designers alleine, sondern auch aus den Produktionsbedingungen hervorgegangen. Eine mögliche Präsentationsform der Kombinationsoptionen wäre ein an die Wand angebrachtes Hängesystem, das die Einzelteile des Stuhls in Form- und Farbfamilien systematisch gliedert und zur Auswahl ordnet. Eine Art Konstruktionsplattform, die räumlich vor der bildähnlichen Installation der Einzelformen angelegt ist, ermöglicht dem Kunden, die von ihm ausgewählten Einzelteile des Stuhls zu montieren, auszuprobieren und sie gegebenenfalls später im Museumsshop käuflich zu erwerben. An jedem der Stühle ist zudem eine Metallplakette mit Nummer angebracht, die ihn als Objekt einer limitierten Produktionsserie ausweist. Mit dieser performativen Partizipation des Konsumenten in der Endphase der Produktion überlässt der Designer dem zukünftigen Besitzer die Entscheidung darüber wie sein Stuhl aussieht. Anstelle einer vom Designer festgelegten Form, wird dem Kunden, unter Berücksichtigung seiner ästhetischen Erwartungen und ergonomischer Bedürfnisse, ein frei verfügbares Repertoire von Formen angeboten. Jede Formkombination des Stuhls ist damit das praktische Ergebnis eines erweiterten Designbegriffs und zugleich eine Verzahnung von industrieller Fertigung und individueller Kreativität. Hier wird ein konzeptuelles Verständnis von Design deutlich, das alternative Formfindungen für Produkte sowie die Herstellungsbedingungen und Partizipation des Kunden nicht nur in die einzelnen Produktionsschritte miteinbezieht, sondern zur gestalterischen Grundlage macht.

Mit der Partizipation des Konsumenten oder der synergetischen Zusammenführung von Kunsthandwerk und Industrie arbeitete HAW bereits erfolgreich in zurückliegenden Projekten wie Blaupause – blueprint furniture oder für die Fabrik der Zukunft. Bei letzterem wurde mit einer 3D-Lasertechnologie der Sinterchair entwickelt. Eine Technologie, die bis dahin ausschließlich in der Auto- und Flugzeugindustrie zum Einsatz gekommen war. Und auch der Zufall, in Form einer Feuerflamme, verhalf als kreatives Prinzip bei dem spektakulären Design-Performance Projekt Valse Automatique einer aus Wachs geschnittenen Vase zu ihrer vollendeten Gestalt. HAWs Beitrag zum zeitgenössischen Design bleibt nicht auf die Erfindung und Gestaltung neuer Produkte beschränkt. Sein Designbegriff reicht über das Produkt hinaus. Die Produkte beinhalten stets jenen performativen und selbstbezogenen Aspekt, welcher uns etwas über die arbeitstechnischen, gesellschaftlichen wie sozio-kulturellen Bedingungen mitteilt unter denen sie hergestellt werden.

deutsch/english

The chair and its designer

Before a prototype of a design object can be made ready for production, as a rule there is an intellectual and graphic design phase before it even comes to the various development stages and production steps. This is not the case with Chair LEAF, which initially is reminiscent of classical industrial design in terms of visual appearance, given the clear organic line. Design projects by HAW stand out in particular for the fact that the innovative and alternative manufacturing processes with which designers like to work tend to help define a product's final shape. For the development of the X Chair, for example, HAW reversed the customary design and production sequence and developed the chair not by starting with a design sketch and instead designed a chair with a shape derived primarily from the givens of the manufacturing companies concerned regarding technical and material aspects. *In other words, in this instance the chair's design resulted from the conception of an entire production sequence and not from a sketch for a functional product. In other words, the production location, availability of material but also working conditions and the skills of the people who cooperated in its production were all aspects that determined the chair's later appearance.
You can say that what is innovative about such a production scenario is that the potential of existing production conditions was harnessed to develop a new product. This potential might be the artisan/technical capacities of people and machines or the availability of a certain material. In this sense HAW disconnects the quality features sustainability and participation from the product itself and transfers them to a company's manufacturing procedure or even to the customer's consumer behavior.

The chair and its design

Decisive for the chair's styling were the tools and equipment a production company had at its disposal. The firm specializes in the serial mass production of chairs. The designer then began with the resulting basic industrial forms and used them to develop the chair's design. For example the threaded chair legs recall children's wooden toys while the backrest is modeled on the shape of a shovel. HAW considers the prefabricated shaped parts from industrial production which are used for the chair as ready-mades or semi-finished products in the sense of a conceptual appropriation. For example, the chair legs are made from round timber blanks and the individual sections for the seat and backrest from industrial final shapes. HAW then used them to develop a contour or innovative line. As such, the creative achievement consists of recognizing the options of many new forms, which would be lost in the anonymous design of mass products. The designer sees this stage of design development as a graphic process, which is exhausted in variations on the semi-finished product as basic form and can be continued. This approach, which can most definitely be transferred to other production systems makes it possible to transform undesirable situations such as production machinery working below capacity or a surplus of material supplies into an economic and ecological benefit such as resource saving. Through the designer's intervention in the mass production process and his willingness to cooperate with industry the company involved can put resources to a new use and secure economic savings, while the re-forming of industrial forms makes available additional resources of materials that can be used to develop new products.

The chair and its color

Following the guerilla-like intervention by the designer in the mass production, which creates a variable design spectrum for the chair as regards the color design of the individual sections another strategy comes into play, which is also borrowed from conceptual creativity, and that can also be read as the designer extracting himself from the crafts-and-artisan tradition. It seems obvious to combine forms with color at the places where paints and the like are produced. Accordingly, HAW cooperates with color manufacturers of different industrial sectors in order to ensure a range of different colors for the chair. Moreover, once again the designer can avail himself of surplus production stocks and reactivate given material stocks of paint.
It is to great aesthetic advantage that given their varying previous applications paints of different color, consistency and surface quality can be combined.
The location of the paint manufacturer is of secondary importance, however. In other words, the individual sections of the chair seat can be produced in Leipzig while the surplus stocks of a paint shop in Tel Aviv could be employed. Bringing together production firms irrespective of their location is one of the many opportunities the designer has to combine geographically disparate skills into synergies. In other words, the colors a chair can be is no longer determined by the designer solely by the choice of available paints in firms, or put differently he lays his cuckoo's egg - in other words the parts of his chair - in an existing nest - a paint shop's existing production. The designer delegates the decision about his product's color to the color range available in a company and in doing so avoids the higher costs of a special varnishing. You can say that chance becomes the creative principle and replaces the designer's decision.

The chair and the exhibition

Model LEAF as a final product is based on the idea of self-assembly chair. All the individual sections are packed in a bag and are assembled by the customer in his or her home.
It is also possible to choose different forms for backrest and seat to suit individual requirements. Given the many variations of forms and selection of different colors a broad range of combination options is created. As such, the selection and limitation of these formal and color options do not result solely from the designer's form-related creations but also from production conditions. One possible way of presenting the combination options would be a hanging system attached to the wall, which systematically organizes the chair's individual sections into form- and color families ready for selection. A kind of construction platform, which is arranged in front of picture-like installation of the individual forms, enables customers to assemble and test the sections he has chosen and later buy them in the Museum shop if he wishes. Affixed to every chair there is also a numbered metal plaque proclaiming it to be a member of a limited production series. Through the consumer's active participation in the final production phase the designer leaves the decision on what the chair should look like to its future owner. Instead of a form determined by the designer the customer is offered a wide range of available forms that cater to his aesthetic expectations and ergonomic requirements. This means that every formal combination of the chair is the practical result of an expanded design concept and simultaneously a meshing of industrial production and individual creativity. What emerges is a conceptual understanding of design that not only incorporates alternative means of determining the form of products, manufacturing conditions and customer participation into the individual production stages but also establishes them as a creative foundation.

HAW has already worked successfully on previous projects involving consumer participation or the synergetic combination of artisanship and industry - such as blueprint furniture or the "Fabrik der Zukunft" (Factory of the Future). The latter involved the development of the Sinterchair using 3D laser technology, which until then had been used exclusively in the auto- and aviation industry. Chance in the guise of a flame also acted as a creative principle in the spectacular design-performance project Valse Automatique - in which it lent the final shape to a vase cut of wax. However, HAW's contribution to contemporary design is not restricted to the invention and design of new products. Its concept of design extends beyond the product itself. The products always contain that performative and self-referential aspect that communicates to us something about the work-related, societal and cultural conditions under which they are manufactured.