MDS / 2013

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MERKWÜRDIGKEITEN DES SEHENS ist Mode auf einer „zweiten Ebene“: Die Produkte der Kollektion, bestehend aus Kleidung und Accessoires wie Brillen, Taschen, Schmuck, sowie Schuhen und einem Sitzmöbel, sind von der Modewelt inspiriert, der Modewelt als einem kulturellem Phänomen. „Mode“ kommt hier als Konzept zum Einsatz. Deren besondere Dynamik und die spezielle Sprache, in der sie ihre Wirkungsmacht entfaltet, haben Produktkonzeption und Umsetzung angeleitet. Den Ausgangspunkt bildet dabei das Wechselspiel von – einerseits – einem Gesamtbild von Mode, das sich zusammengesetzt aus modischen Konventionen und Gesten, wie sie in Fashion-Anzeigenkampagnen zum Ausdruck kommen, mit spezifischen Verbindungen von Personen und Produkten sowie aus Farbbild-Kompositionen, die aus den konkreten Abbildungen abstrahiert werden können, und – andererseits – dem emotionalen Zugang über die Imagination des Einzelnen. Denn „Mode“ ist und wirkt in der jeweiligen Vorstellung potentiell immer anders. Es bildet sich eine diffuse Idee, ein diffuser Eindruck von Stil und modischem Aussehen. Dieser bleibt zwar ganz im Hintergrund wirksam, bewegt aber den Menschen in seinem Handeln. Die Kollektion greift diesen, der Mode eigenen, spontanen und unmittelbaren emotionalen Zugang als ein Grundthema auf. Somit arbeitet das Design hier genau mit dem, was sich an der Mode zum Teil der Verwissenschaftlichung und Intellektualisierung widersetzt.

Konzipiert ist MERKWÜRDIGKEITEN DES SEHENS wie eine klassische prêt à porter Anzeigenkampagne für den kommenden Frühling und Sommer. Ein weibliches und ein männliches Model sind in ein Verhältnis zu den Produkten gesetzt. In ihrer Gesamtheit stellen diese aber zugleich die Elemente eines Farbkompositionsbildes dar. „Mode“ bildete das Vehikel, um ein Gesamtkunstwerk entstehen zu lassen, das noch bis ins Make-up durchgestaltet ist – schon beim Projekt „Hotel Dresden“ wurde von HAW ein ähnlicher ganzheitlicher Ansatz verfolgt. Gleichsam wichtig aber, wird hier nun dem Zufall und den Unwägbarkeit, dem kontingenten Aufeinandertreffen von Farben und Formen, dem Risiko, dass Mode immer subjektiv und emotional erfasst wird, ein besonderer Spielraum im Produktdesign eingeräumt. Die „Farbkompositionsanzeigenkampagnen“ entwickelt der Berliner Fotograf Thorsten Klapsch gemeinsam mit HAW.

FARBE rückt mit der Kollektion als eine direkte emotionale Sprache thematisch in den Vordergrund. Über Mode vermittelte Stimmungen kommunizieren sich wesentlich auch als Farbeindrücke. Die Kollektion greift die Tatsache auf, dass eine Modeerscheinung immer als aus Farben komponiertes Bild imaginierbar ist. Dabei wird die Wahrnehmung – wie bei einem impressionistischen Bild – dem Changieren zwischen einem abstrakten Arrangement von Farbelementen einerseits und ganz konkreten Objekten andererseits anheim gegeben. Angeregt ist dieser spezielle Umgang mit Farbe von jenen zufälligen Farbkompositionen, wie sie beispielsweise bei Naturphänomenen, wie dem Korallenriff Great Barrier Reef bei Australien, entstehen: eine Unzahl konkreter Einzeleindrücke synthetisiert sich zu einem „Farbmeer“. Auch kulturelle Ereignisse, wie der Karneval in Rio oder die abgelegten farbigen Tücher beim Waschen im Ganges in Varanasi (Indien) bringen solche, in sich verschmelzende, Farbszenarien hervor.

Konkret setzen sich die Farben der Frühjahr-Sommer-Kollektion aus verschiedenen pastelligen Puderfarben zusammen, die mit hellen Schlammtönen kombiniert werden. Sie wurden zusammen mit BASF entwickelt. Untypische Farben treffen aufeinander, die ein Moment der Zufälligkeit transportieren und unser Verhältnis zu Farben generell thematisieren. Denn die Einzelteile sind so konzipiert, dass sie ein größtmögliches Matching der Farben zulassen. Damit partizipiert der Kunde an der Gestaltung. Erst seine zufällige Wahl und Zusammenstellung vervollständigt den Designprozess. Die Kollektion schafft Spielraum für eine gewisse Beliebigkeit in der Farbigkeit. Das immer wieder neue, ungewöhnliche Arrangieren der Farben untereinander und in diversen Kontexten erzeugt Spannungen und nicht unbedingt harmonische Farbkombinationen. So erinnert das Schlammgrau der Kollektion vielleicht an das Grau der Berliner Plattenbauten, wenn es auf die andersartige „Frische“ der Pastellfarben trifft. Muss es aber nicht. Denn MERKWÜRDIGKEITEN DES SEHENS lässt sich auf das Risiko ein, dass ein jeder bestimmte Farben ein wenig anders sieht und unterstreicht die Grenze der Kontrolle des Designers über die Rezeption beim Betrachter und Kunden.

Vielgestaltig variiert wird in der Kollektion eine FORM, die bei einem der Kollektionsstücke ihren Ursprung hat: die fünfeckige Rückenlehne des Stuhls. In der Historie dieses Sitzmöbels ist der herkömmliche Gestaltungs- und Produktionsverlauf umgekehrt. Es wurde nicht von einer Entwurfsskizze ausgehend entwickelt, sondern die besondere Blattform ging vorwiegend aus den technischen- und materialbedingten Gegebenheiten der kooperierenden Herstellerfirmen hervor. Somit ist auch die in der Kollektion variierte fünfeckige Blattform in gewissem Maße dem Zufall geschuldet. In diesem Fall der Kontingenz der konkreten Bedingungen der postindustriellen Herstellung, die HAW weitgehend in seine Designkonzeptionen integriert. Es findet eine Rückübertragung der konkreten Möglichkeiten und Bedingungen der Produktion in die Modewelt statt. Damit manifestiert sich eine Design-Geste, die sich der Vorstellung eines „genialischen Zugs“ des Designers entgegenstellt.

Das Fünfeck, die Blattform der Stuhllehne, mäandert durch die Kollektion, wird variiert, und entfaltet in der jeweiligen Produktkategorie ihre ganz eigene Logik. Durch die Vermittlung über die „Mode“ kann die Form ihre ursprüngliche Funktion als Lehne überschreiten. Die Rückenlehne transformiert sich zum Abdruck auf Modekörpern. Mit MERKWÜRDIGKEITEN DES SEHENS wird somit nicht nur die Grenze von Einzelobjekt und Farbeindruck verwischt, sondern auch die Grenze von Ding und Körper transzendiert. Mit dem Medium Körper dynamisiert sich die fünfeckige Lehne des Sitzmöbels, findet Eingang in die Modekollektion und wird in weitere Bereiche der Kultur, des menschlichen Alltags getragen. Die Blattform eröffnet ein breites Spektrum formaler Variationsoptionen für die Kollektionsteile. Sie bildet beispielsweise – dem Steckprinzip des Stuhls folgend – funktionell das Basisteil der Brille. Im Schmuck verwandelt sie sich ins Ornamentale. Bei einigen Oberteilen fungiert das Fünfeck dagegen als Raglanärmel. Beim Flakon des Parfums wandelt sich die Grundform schließlich ins Dreidimensionale.

Die TEILE und OBJEKTE der prêt á porter Kollektion mit ganzheitlichem Ansatz sind als Bestandteile eines „Gesamtkunstwerks“ konzipiert. Die Bandbreite an Objekten umfasst Damen und Herrenbekleidung aus den unterschiedlichen, hochwertigen Materialien (Baumwolle, Seide, Wolle, Merinowolle): lang- und kurzarmige Hemden, Cardigans, lange und kurze Hosen, Blazer, Pullover, ein Kleid; außerdem Schuhe, Taschen, Flakons, Schmuck und Brillen. Auch der Stuhl mit der blattförmigen Rückenlehne ist Teil der Kollektion. Bis hin zum Make-up reichen die Gestaltungsüberlegungen.

Das Design bleibt bei MERKWÜRDIGKEITEN DES SEHENS – entsprechend der beim Projekt „Hotel Dresden“ umgesetzten Designauffassung – nicht auf die Erfindung und Gestaltung neuer Produkte beschränkt. Wieder bestimmen bei HAW innovative und alternative Herstellungsszenarien die endgültige Form der Produkte mit. Die Form des Stuhls ergab sich aus der Konzeption eines gesamten Herstellungsverlaufs und nicht nach Entwurf eines funktionalen Produkts. Herstellungsort, Verfügbarkeit von Material, Arbeitsbedingungen und handwerkliche Fertigkeiten prägten das Erscheinungsbild des Produkts maßgeblich mit. Die Potentiale bereits vorgefundener Produktionsbedingungen werden für die Entwicklung neuer Objekte nutzbar gemacht. Auch bei MERKWÜRDIGKEITEN DES SEHENS ist diese, den Herstellungsprozess integrierende Designkonzeption von einem vom Designer geflochtenen Netzwerk getragen, das Werkstätten, Manufakturen, Kunsthandwerker, Schneider, Goldschmiede, Schuhmacher, Täschner und einen Parfumeur zusammenführt.

Eine Vielzahl an KOOPERATIONEN sind bei der Entstehung der Kollektion prägend: Die Schuhe COINCIDENCEmen aus den Materialen Leder und Kork wurden zusammen mit der VELT GmbH erarbeitet. Einer in Zürich ansässigen jungen Firma mit eigener Schuhmanufaktur in der Schweiz und einem Designstudio am Berliner Moritzplatz. Dahinter stehen die zwei jungen Produktdesigner Patrick Rüegg und Stefan Rechsteiner, deren Design der Devise „Simplizität, Modernität und Urbanität“ folgt. Ihr offizieller Markteintritt erfolgt im Herbst 2013 (www.velt.ch). Die Frauenschuhe COINCIDENCEwomen der Kollektion gehen aus gemeinsamer Arbeit mit der Schuhmacherin KIRSTIN HENNEMANN hervor. – Die Brille TWIST, eine Farbsystembrille zur Kombination aus Basisuntergestell und Obergestell mit Farb- und Formvariation für Männer und Frauen, aus dem Material Acetat ist in einer Zusammenarbeit mit der jungen Brillenfirma COBLENS entstanden. Der Schwerpunkt der Koblenzer Firma liegt bei handgearbeiteten Brillen, hochwertigen und technisch neuartigen Lösungen und einer gleichzeitigen starken Orientierung an Fashion. Nach siebenjähriger projektbezogener Zusammenarbeit der drei Gründer – Experten für Design und Eyewear – entstand 2012 schließlich deren erstes gemeinsames Label. – Das Parfüm COLOURIZE stammt vom Parfumier HARRY LEHMANN (www.parfum-individual.de), einem 1926 gegründeten Berliner Traditionsunternehmen und befindet sich in einem Flakon aus mundgeblasenem Glas, der gemeinsam mit der GLASMANUFAKTUR THERESIENTHAL entstand. HAW arbeitet seit 2012 für die Manufaktur und wird zur Pariser Messe Maison & Objet 2013 die erste Vasenkollektion PAGODE präsentieren. – Der aus dem Material Buchenholz gefertigte Stuhl COLOUR MATCH und dessen Farbgebung ist das Ergebnis einer Kooperation mit BASF: Extra für HAW wurden feingemahlene, lichtechte und wetterfeste Pigmente zu 10 Farben gemischt, bei denen es sich um Zubereitungen verschiedener Microlith Präparationen auf Wasser/Alkohol-Basis handelt. Das Unternehmen unterstütze das Atelier HAW bei dem bisher im Möbelbereich einzigartigen Experiment, einen Farbbeizstuhl mit Glacierlack zu behandeln, der bei näherer Betrachtung leichte Glittereffekte zu Tage treten lässt. Die Lackierung realisierte die Berliner Firma ARTIS. Der Schmuck LEAF wurde von dem Berliner Goldschmiedehandwerksbetrieb OMANOWSKY gefertigt.

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The chair and its designer

Before a prototype of a design object can be made ready for production, as a rule there is an intellectual and graphic design phase before it even comes to the various development stages and production steps. This is not the case with Chair LEAF, which initially is reminiscent of classical industrial design in terms of visual appearance, given the clear organic line. Design projects by HAW stand out in particular for the fact that the innovative and alternative manufacturing processes with which designers like to work tend to help define a product's final shape. For the development of the X Chair, for example, HAW reversed the customary design and production sequence and developed the chair not by starting with a design sketch and instead designed a chair with a shape derived primarily from the givens of the manufacturing companies concerned regarding technical and material aspects. *In other words, in this instance the chair's design resulted from the conception of an entire production sequence and not from a sketch for a functional product. In other words, the production location, availability of material but also working conditions and the skills of the people who cooperated in its production were all aspects that determined the chair's later appearance.
You can say that what is innovative about such a production scenario is that the potential of existing production conditions was harnessed to develop a new product. This potential might be the artisan/technical capacities of people and machines or the availability of a certain material. In this sense HAW disconnects the quality features sustainability and participation from the product itself and transfers them to a company's manufacturing procedure or even to the customer's consumer behavior.

The chair and its design

Decisive for the chair's styling were the tools and equipment a production company had at its disposal. The firm specializes in the serial mass production of chairs. The designer then began with the resulting basic industrial forms and used them to develop the chair's design. For example the threaded chair legs recall children's wooden toys while the backrest is modeled on the shape of a shovel. HAW considers the prefabricated shaped parts from industrial production which are used for the chair as ready-mades or semi-finished products in the sense of a conceptual appropriation. For example, the chair legs are made from round timber blanks and the individual sections for the seat and backrest from industrial final shapes. HAW then used them to develop a contour or innovative line. As such, the creative achievement consists of recognizing the options of many new forms, which would be lost in the anonymous design of mass products. The designer sees this stage of design development as a graphic process, which is exhausted in variations on the semi-finished product as basic form and can be continued. This approach, which can most definitely be transferred to other production systems makes it possible to transform undesirable situations such as production machinery working below capacity or a surplus of material supplies into an economic and ecological benefit such as resource saving. Through the designer's intervention in the mass production process and his willingness to cooperate with industry the company involved can put resources to a new use and secure economic savings, while the re-forming of industrial forms makes available additional resources of materials that can be used to develop new products.

The chair and its color

Following the guerilla-like intervention by the designer in the mass production, which creates a variable design spectrum for the chair as regards the color design of the individual sections another strategy comes into play, which is also borrowed from conceptual creativity, and that can also be read as the designer extracting himself from the crafts-and-artisan tradition. It seems obvious to combine forms with color at the places where paints and the like are produced. Accordingly, HAW cooperates with color manufacturers of different industrial sectors in order to ensure a range of different colors for the chair. Moreover, once again the designer can avail himself of surplus production stocks and reactivate given material stocks of paint.
It is to great aesthetic advantage that given their varying previous applications paints of different color, consistency and surface quality can be combined.
The location of the paint manufacturer is of secondary importance, however. In other words, the individual sections of the chair seat can be produced in Leipzig while the surplus stocks of a paint shop in Tel Aviv could be employed. Bringing together production firms irrespective of their location is one of the many opportunities the designer has to combine geographically disparate skills into synergies. In other words, the colors a chair can be is no longer determined by the designer solely by the choice of available paints in firms, or put differently he lays his cuckoo's egg - in other words the parts of his chair - in an existing nest - a paint shop's existing production. The designer delegates the decision about his product's color to the color range available in a company and in doing so avoids the higher costs of a special varnishing. You can say that chance becomes the creative principle and replaces the designer's decision.

The chair and the exhibition

Model LEAF as a final product is based on the idea of self-assembly chair. All the individual sections are packed in a bag and are assembled by the customer in his or her home.
It is also possible to choose different forms for backrest and seat to suit individual requirements. Given the many variations of forms and selection of different colors a broad range of combination options is created. As such, the selection and limitation of these formal and color options do not result solely from the designer's form-related creations but also from production conditions. One possible way of presenting the combination options would be a hanging system attached to the wall, which systematically organizes the chair's individual sections into form- and color families ready for selection. A kind of construction platform, which is arranged in front of picture-like installation of the individual forms, enables customers to assemble and test the sections he has chosen and later buy them in the Museum shop if he wishes. Affixed to every chair there is also a numbered metal plaque proclaiming it to be a member of a limited production series. Through the consumer's active participation in the final production phase the designer leaves the decision on what the chair should look like to its future owner. Instead of a form determined by the designer the customer is offered a wide range of available forms that cater to his aesthetic expectations and ergonomic requirements. This means that every formal combination of the chair is the practical result of an expanded design concept and simultaneously a meshing of industrial production and individual creativity. What emerges is a conceptual understanding of design that not only incorporates alternative means of determining the form of products, manufacturing conditions and customer participation into the individual production stages but also establishes them as a creative foundation.

HAW has already worked successfully on previous projects involving consumer participation or the synergetic combination of artisanship and industry - such as blueprint furniture or the "Fabrik der Zukunft" (Factory of the Future). The latter involved the development of the Sinterchair using 3D laser technology, which until then had been used exclusively in the auto- and aviation industry. Chance in the guise of a flame also acted as a creative principle in the spectacular design-performance project Valse Automatique - in which it lent the final shape to a vase cut of wax. However, HAW's contribution to contemporary design is not restricted to the invention and design of new products. Its concept of design extends beyond the product itself. The products always contain that performative and self-referential aspect that communicates to us something about the work-related, societal and cultural conditions under which they are manufactured.

Appendix:

He caused a real stir with the HOTEL DRESDEN project, for which he relied on manufactory workshops to help reconstruct an array of Art Nouveau objects that were presented at the haubrokshow premises (2009). He is currently working on a project dedicated to the issue of sustainable and subversive mass production, and entitled "Curiosities of Seeing".

In recent years, the designer was a member of the jury of the "Design Recycling Prize" and active as a curator, for example for the "Smart Future Mind Award" and the "Black Box Protoypes Shows".