X-Chair, Client: OUT – Objekte unserer Tage

Foto: Bernd Hiepe

Stuhl
• Ausführung / Manufacture OUT – Objekte unserer Tage, Berlin
• Rotationsmolding Schwarz aus 100% recyceltem Polypropylen, Rot, Weiß, Flieder aus 100% Polypropylen
• 2020

Für wen ist die Ausstellung spannend?
HAW Interessant ist die Ausstellung im Grunde für
alle Menschen, die Interesse für Design, insbesondere
Produktdesign haben. Sie hat allerdings
Architekten und Raumausstatter im Fokus. Daneben
ist sie für jeden interessant, der sich für zeitgenössische
Formensprache und Produktionsartefakte interessiert.
Durch die große Bandbreite der Produkte,
von Schmuck, Textil, Wandfliesen bis hin zum Möbel
und die leichte Zugänglichkeit wie Verständlichkeit
ist sie möglicherweise für ein sehr breites
Publikum denkbar.

Zentrum der Ausstellung ist der HERMANN X-CHAIR.
Was macht das Objekt aus? Wie war der Design-
Prozess?
HAW Der Stuhl ist bewusst im Zentrum der Ausstellung,
weil Stühle im Allgemeinen einen hohen kulturellen
Stellenwert in der Gesellschaft haben (siehe
das Vitra Design Museum mit der umfangreichen
Stuhlsammlung). Der X-CHAIR als Blockstuhl war
der erste Entwurf für mein Ausstellungsvorhaben
und bildete damit die formale Linie. In meinen letzten
Designwerken, steht jedes Objekt in Beziehung
zueinander, oft mäandert eine Form durch mehrere
Objekte.

Der HERMANN X-CHAIR mutet an wie eine Hommage
an den Architekturstil Brutalismus. Hat der Ort
das Design geprägt?
HAW Meine Ausstellung nimmt Bezug zum Bau des
Kunstgewerbemuseums Berlin, der für mein Empfinden
sanfter Brutalismus ist. Der Architekturentwurf
von Rolf Gutbrod wird kontrovers diskutiert, weil
die innere Struktur sehr unruhig ist und den eigentlichen
Exponaten keinen Raum gibt. Mich fasziniert
dieses Museum, weil es einem das Ausstellen
schwer macht, denn es gibt keinen White Cube für
temporäre Ausstellungen. „Die Architektur von Rolf
Gutbrod ist wie das Leben, es fordert Dich heraus,
es macht es Dir nicht einfach, du musst dich damit
arrangieren, du musst dich darauf einrichten!“
Der Brutalismus fasziniert mich wegen seiner konsequenten
Umsetzung. Solche Gebäude und öffentliche
Plätze würden heute nicht mehr genehmigt werden.
Die Arbeit ist keine „homage“ an den Brutalismus
im klassischen Sinn, sie nimmt nur die Haltung des
Brutalismus in den Blick, möchte den Fokus auf eine
etwas unkonventionelle Denkweise setzen.
Mir fällt in letzter Zeit auf, dass die Designer zu
Marktkonform ihre Projekte ausrichten und der Ort,
das Kunstgewerbemuseum ist für mich der Anlass
den „Hang zum Gesamtkunstwerk“ öffentlich zu
präsentieren.”

Und die Farbe Schwarz, eine bewusste Entscheidung?
HAW Die Farbe schwarz bildet die Basis der Ausstellung.
Ich konnte den Stuhl nur in schwarz denken.
Die architektonische Struktur des Stuhles musste
eine starke kräftige Farbe haben, die an schwarzen
Beton erinnert.
Dieses Jahr wurde der französische Maler und
Grafiker Pierre Soulages 100 Jahre alt. Neben
Brutalismus war er eine weitere Inspiration für die
Arbeit an ATMOISM. „Jenseits von Schwarz“, wie
Schwarz das Licht modelliert, bzw. wie sich das
Licht in der Struktur und Material bricht, wird in dem
Entwurf perfekt demonstriert. Ich habe mich sehr
gefreut, dass der Künstler Sven Drühl eine Motivvorlage
zum Anlass genommen hat, um daraus mit
Silikon und schwarzer Farbe ein großes Kunstwerk
in der Ausstellung beisteuert. Hier vertiefe ich noch
mein Schwarzmotiv im ganzen Projekt.

Woraus besteht der HERMANN X-CHAIR für OUT
und wo wird er gefertigt?
HAW Der HERMANN X-CHAIR besteht aus 100%
recyceltem Polypropylen. Die Farbe ist eine bewusste
Entscheidung, um dies zu ermöglichen. Alle
recycelten Materialien werden am Ende des Prozess
schwarz gefärbt.
Bei anderen vermeintlich recycelten Produkten liegen
die Anteile oft nur bei 1-30%. Das war mir und
OUT viel zu wenig. Im Anbetracht der der ökologischen
Situation brauchen wir Objekte, die Nachhaltig
und regional produziert werden. Ich finde es
braucht dafür Modelle und Symbole und ein Stuhl
kann ein guter Transporteur dafür sein. Der Monoblockstuhl
X-CHAIR wird nur 80 km von Berlin entfernt
produziert. Die Produktion ist ein mittelständischer
Familienbetrieb und es freut mich, dass es mir
als Designer möglich ist, mit industriellen Mitteln
erschwingliche, regionale Serienprodukte auf den
Markt zu bringen.

Auch wenn der HERMANN X-CHAIR zu 100% aus
recyceltem Material ist, stellt sich dennoch die Frage,
was passiert wenn er mal nicht mehr gebraucht wird?
Wenn wir also von einem recyclebaren Produkt sprechen,
wie soll der Konsument den Stuhl in den Kreislauf
bringen?
HAW Ich glaube das Konzept, das ich mit OUT zusammen
entwickelt habe ist einmalig, denn die
Endverbraucher können nach Jahren den Stuhl
wieder an OUT zurückgeben. Der Stuhl geht in
die brandenburger Produktion, wird dort zu Granulat
geschreddert und geht wieder in Produktion.
Der Stuhl ist ganz nach dem Prinzip nach Michael
Baumgrad „Creadle to creadle“ aufgebaut, dem nachhaltigen Kreislauf.

Für welchen „Raum“ ist der HERMANN X-CHAIR gedacht?
HAW Der Stuhl ist ein multifunktionaler Stuhl, der
sowohl im Outdoorbereich als auch im privaten
Haushalt einsetzbar ist. Ich glaube er funktioniert
auch gut als eine Art Beistelltisch, neben einem Bett
oder Sofa, worauf man Bücher stapelt oder bei
Bedarf an den Tisch holt. Der Stuhl hat eine hohe
skulpturale Qualität und ist definitiv ein Objekt im
Raum. Durch sein hohes Eigengewicht ist der Stuhl
auch im öffentlichen Raum vorstellbar, wie z. B. in
Parkanlagen, Fußgängerzonen, Schwimmbädern
oder öffentlichen Dächern.

Was verbindet dich mit OUT? Wieso lancierst du den
HERMANN X-CHAIR genau mit OUT Objekte Unserer
Tage?
HAW Mit OUT verbindet mich die Nähe, weil wir in
Berlin unseren Lebensmittelpunkt haben. Wir sind
sehr dynamisch in unserer Denk- und Handlungsweise.
Ich hatte bei diesem Projekt sofort eine junge
Marke im Kopf, die das Möbel-Business nicht zu
klassisch betreibt, sondern eine starke Ausrichtung
in sozialen Medien hat, die versteht mit jüngeren
Käufern zu kommunizieren. Ich danke OUT, dass
sie den Mut haben, ein solches Produkt zu vermarkten,
welches im ersten Blick etwas sperrig daher
kommt.

Der Mitgründer von OUT, David Spinner war ein Student
von dir an der Fachhochschule für Design in Potsdam
und jetzt habt ihr zusammengefunden?
HAW Das schöne an der Lehre ist, im Lauf der Jahre
zu beobachten, wie Studierende ihren Weg in
die Profession finden. Manchmal verliert man sich
aus den Augen und eines Tages begegnet man
ihnen als Unternehmer wieder oder sie sind selbst
Professor. Im Falle von David, habe ich den Weg
von OUT schon seit der Gründung verfolgen dürfen.
Besonders hat es mich gefreut, dass eines seine
Kursergebnisse – der Beistelltisch Neumann – der
im Kurs „Alles Blech“ von ihm entworfen wurde,
den Weg in die Kollektion von OUT gefunden hat.

Mit OUT hast du eine junge Möbelmarke gewählt, bewusst?
Was unterscheidet sich in der Zusammenarbeit
zu alteingesessenen Marken?
HAW In den vielen Jahren meiner Designtätigkeit
habe ich mit unterschiedlichsten Formen von Unternehmen
gearbeitet. Ich muss sagen, dass ich sehr
gerne mittelständische Familienunternehmen mag.
Ich liebe es, wenn der Chef am Tisch bestimmt wo es lang geht und auch gern mal Entscheidungen
aus dem Bauch trifft. Die Ausstellung ATMOISM
spiegelt mit den fast 30 Partnern ganz gut wider,
mit welchem Typus Hersteller ich am besten arbeiten
kann. Vom Handwerker, über Familienbetriebe
bis zu Forschungsinstitutionen ist alles dabei. Im
Falle von OUT habe ich bewusst entschieden, weil
ich eine Dynamik verspüre und den Pioniergeist
schätze, etwas in einem doch sehr statischen Markt
zu bewegen. OUT ist für mich wie ein Katamaran,
welcher flink und wendig vor einem großen Hochseedampfer
segelt.

Die Kampagne ist in 3D animiert und nicht fotografiert,
eine bewusste Entscheidung?
HAW Den HERMANN X-CHAIR als 3D animierte
Kampagne zu launchen ist eine zeitgemäße Antwort
auf die Social Media Wahrnehmung vieler
Käufer. Sie hebt sich von der Bilderflut im Netz ab
und macht neugierig auf das Produkt. Die Technik
erlaubt auch viel mehr an visueller Ausdruckmöglichkeit,
bzw. ermöglicht unterschiedliche Sichtachsen
auf die skulpturale Form des Stuhls.

Was macht dich als Industriedesigner aus?
HAW Ich definiere meine Arbeit nicht als „klassischer“
Industriedesigner. Meine Arbeit ist eher ein
Hybrid aus einer künstlerischen Haltung (Designwerke)
und dem akademischen Verständnis von
der Profession des Gestalters.